Die Welt zu Gast bei Freunden
So oder so ähnlich habe ich mich in den letzten Tagen bei der Anreise nach São Paulo gefühlt, wobei mir das eher schlechte Wetter unter diesen Umständen gar nichts mehr ausgemacht hat.
Zunächst startete ich die Tour Freitagnacht um 0.30 Uhr mit dem Nachtbus nach Forianopolis.
Trampen…
einmal anders!
Die Tage musste ich gewaltig schmunzeln, Tatort Gemeinde nach dem Gottesdienst:
F.: Willst du trampen?
K.: Wohin?
F.: Nach Hause?
K.: Wieso????
Ausgleich
Hier ist es fast unmöglich Wege zu Fuß zurückzulegen - weil es fast immer jemanden gibt, der sich um einen sorgt und mich mit dem Auto von A nach B bringt – deshalb habe ich dringend einen sportlichen Ausgleich gesucht und ihn nun auch gefunden. Geht man durch die Straßen und schaut den Kindern beim Spiel zu, dann lassen sich immer wieder Züge von angewandter Caporeia finden. Auch Jugendliche und Erwachsene praktizieren Caporeia im Park. Momentan werde ich in die Orte und Zeiten der aktiven Caporaisten eingeweiht.
Abenteuer Küche
In Brasilien hat das Wasser leider nicht Trinkwasserqualität, so daß man bereits vor dem Loslegen in der Küche überlegen sollte, wofür man das Wasser braucht. Wie verwöhnt wir in Deutschland sind, merkt man bekanntlich erst in der Fremde
. Hier kommt normalerweise nur kaltes Wasser aus der Leitung (Ich habe das große Glück, dass bei uns Zu Hause auch warmes Wasser fließt- was für ein Segen!!!). Anfangs habe ich mich noch auf die Suche eines Wasserkochers begeben – doch Fehlanzeige. In Brasilien wird das Wasser im Kessel auf dem Gasherd erhitzt, um anschließend Kaffee oder Tee zu kochen. Die besser gestellten Familien erfreuen sich am Besitz einer Mikrowelle, die dann sehr häufig zum Einsatz gelangt. Auch habe ich die Erfindung des Geschirrspüler wieder ganz neu schätzen gelernt. Wenn man nach einem Mittagessen Berge von fettigen Geschirr vorfindet und kein warmes Wasser in Aussicht ist, weiß man, wie vorteilhaft ein Geschirrspüler wäre. Um so mehr schätzt man dann den lieben Hinweis, daß die Frauen heute mal einen freien Nachmittag haben
und die Männer sich ins Kampffeld Küche begeben.
Anders als bei uns werden die “normalen” Teller – die Mittagsteller, hier immer zum Einsatz gebracht. Das ist aber bei den Verzehrmengen auch nicht verwunderlich. Ich höre mir immer wieder an, was für ein schlechter Esser ich sei und das man nach 5 bis 6 Stücken Pizza doch nicht satt sein könne. Beim alltäglichen Besteck wird das Fleischmesser verwendet. Das spricht auf jeden Fall für den hier vorhanden Fleischkonsum
.
Das Essen an sich besteht obligatorisch immer aus Reis und schwarzen Bohnen. Dazu kommt 1 bis 2mal täglich Fleisch (also nichts für Vegetarier), was teilweise auch gleich die ganze Mahlzeit sein kann. Mit etwas Glück gesellen sich dazu noch Salat und Tomaten. Gemüse variiert genauso wie der Nachtisch. Für mich haben sich als typisch südamerikanisch Pastellen herauskristallisiert. Die Füllung variiert von herzhaft bis süß. So kann darin alles enthalten sein: Käse, Fleisch, Hähnchen-Ei-Kräuter, Marmelade, Schokolade etc…
meine neue Heimat
Die Zimmersuche erwies sich als eine Kulturstudie. In den letzten 3,5 Wochen habe ich intensiv nach einem Zimmer gesucht. Nebenbei habe ich auch einen neuen Rekord im Wohnungswechsel aufgestellt: 1 Tag. Der Tag war aber auch das hoechste der Gefuehle gewesen. So konnte ich die einheimische Kultur und meine Grenzen kennenlernen.
Nun wohne ich in einer schoenen und sicheren Gegend und darf auch nach meinen Sommerpraktikum hier in Porto Alegre wieder in das Zimmer zurueckkehren.
Ps: Ich wohne sogar sooo sicher, das ich 3 verschiedene Schlüssel für 4 Türen benutzen darf, um an die Strasse zu gelangen.
Sprachstudien
Im Portugiesischen gibt es nur ein Wort fuer Zeit und Wetter (o tempo). Interessanter Weise ist das (Wetter) entgegengesetzt zu den Deutschen Gefilden. So befinde ich mich gerade im tiefsten Winter und freue mich schon riesig auf den Fruehling. Nicht nur, weil dann alles wieder zu bluehen anfaengt, sondern auch, weil die Kaelte dann endlich ein Ende hat. So laufen wir hier gerade alle im Wintermantel und mit Handschuhen drinnen wie draussen herum.
Neben der angebrochen Eiszeit finde ich es gerade herausfordernd, mit den Zeitverschiebungen der einzelnen Zeitzonen umzugehen. Da gestaltet sich manch ein persoenlicher Kontakt in eine andere, ganz entgegengesetzte Zeitzonne echt schwierig :-/, gell ihr Israelis.
Zwischenzeitlich habe ich es geschafft, mich bei einem Sprachkurs anzumelden. Diese haben mit mir ein paar Tests durchgefuehrt und mich gleich in den Aufbaukurs gesteckt. Ich habe zwar nicht das Gefuehl, dass ich soweit waere, bin aber schon gespannt, wie ich mich schlagen werde. Bei den Test – wer haette das gedacht – habe ich muendlich vieeeel besser als schriftlich abgeschlossen. Aber dass kennen wir ja bereits schon von Deutschland.
Lustig finde ich es gerade bei internationalen Treffen, dass neben der ersten Sprachebene Deutsch (wir sind doch immer in der Ueberzahl) und English, auch zunehmend mehr portugisisch gesprochen wird. So hoert man Hollaender, Italianer, Deutsche, Koreaner, Argentiner und natuerlich Brasilianer miteinander munter ein nicht ganz ausgereiftes Portugisch kommunizieren
.
Ein ganz normaler Uni-Tag !
Wenn ich mich morgens zwischen 9 und 10 Uhr Richtigung Uni begebe, erwacht die Stadt langsam zum Leben. Immer mehr Menschen füllen die Straßen, Busse kommen und fahren, die Ladenbesitzer machen gerade noch mit ihrem Besen den Platz vor dem Geschäft sauber und die Rollläden der Geschafte öffnen sich.
Zunächst komme ich an einem Stand vorbei, wo ich mir für den Tag 2 Plastikchips besorge, um damit meine benötigten Bustickets zu haben. An der Bushaltestelle finde ich auch gleich die erste Schlange wieder
.
Nachdem jeder Passagier im Bus bezahlt hat, entweder bar, in Form des Chips oder mit ´ner Art Gutschriftchipkarte, kann die Fahrt losgehen. Das Interessante dabei ist, daß die Leute dem Bus an der Haltestelle zuwinken müssen, damit er anhält. Hält der Bus auf Wunsch eines Passagieres an, dann pfeift oder kommuniziert der Kassierer, wenn der letzte Fahrgast hinten ausgestiegen ist und die Fahrt fortgesetzt werden kann.
der Ball rollt…
… die Frage ist nur, in welches Tor ? !
Damit sollte ich mich schon geoutet haben, dass ich mich nicht zu den absoluten Fussballfans zähle und das, obwohl ich aus Deutschland komme.
Bereits lange im Voraus war das olympische Viertelfinalspiel der Frauen angekündigt und in sämtlichen Zeitungen präsent. Doch man staune, wir versammelten uns tatsächlich gegen 7.30 vor dem Fernseher, um das Spiel life mit zu verfolgen. Die Freude der Brasilianer war groß, daß sie dieses Spiel mit 4:1 für sich entscheiden konnten. Die Stimmung schlug heute um, als die Männer das olympische Viertelfinale gegen Argentinien verloren haben. Das erinnert mich an ein Zitat von einem Professor: “Beim Fussball lernt man mit Frust und Niederlagen umzugehen”. Wir haben während dem WM und EM- Finale da ja schon ein gutes Training absolviert. Die aktuellen Fussballspiele können wir hier immer mitverfolgen, sowohl im Radio, als auch im Fernsehen. Ich glaube, die allgemeine Faustregel könnte lauten, wenn du ein Spiel nicht verpassen willst, so verbinde einen Behördengang mit dem für dich wichtigen Spiel- weil das ein gutes Zeitmanagement, bzw. Arbeitszeit ist
.
Von den beliebtesten Fussballmannschaften der Region kann man hier in jedem grösseren Geschäft Fanartikel kaufen und an der Uni sind mindestens 10% der Studenten auch Fanklamotten unterwegs. Die Liebe zum Fussball ist hier sogar so groß, das wir Mädels uns jetzt bald ein Lifespiel im Station ansehen werden oder im Theaterkurs freiwillig ein Fussballspiel darstellen!
PS.: Außerdem habe ich mir ein Handy zugelegt, damit ich überall erreichbar bin
. Nein im Ernst, das dient hier als eine Art Haustürklingelersatz, bzw. ist notweniges Übel. Man braucht es, wenn es mal wieder länger als geplant dauert und deshalb spontan umdisponiert werden muß.
Korrektur von vorhandenen Schematas
Wie stellt ihr euch einen Deutschen bzw. alemão vor?
Wie er auch immer bei euch aussieht, in die Vorstellung hier passe ich definitiv nicht hinein.
Gestern bin mit 2 typischen Deutschen durch die Stadt gezogen und wir hoerten von ganz vielen Seiten alemãos. Dabei klaerten sie mich auf, das es schwierig ist, den hier Ansaessigen klar zu machen, dass sie nicht nur wie welche aussehen, sondern auch welche sind. Das Ganze kann geschichtlich begruendet werden, denn es gab eine ganze Reihe Einwanderungswellen nach Brasilien. Der suedliche Teil Brasiliens wurde fuer viele Deutsche, Polen und Italienern zur neuen Heimat. Manch eine Familie pflegte dabei die Tradition, von einer Generation zur anderen ihre deutsche Muttersprache weiterzugeben.
So stellt sich spaetestens nach meinen ersten Saetzen heraus, dass ich keine Deutsche bin. Als naechstes liegt dann “Amerikanerin” nahe, aber Deutsch sehe ich nun wirklich nicht aus. So begab es sich heute, das ich zunaechst einem amerikanischen Ehepaar in der Kirche vorgestellt wurde. Als diese nun wiederum feststellen, das ich eine Deutsche bin, fing die aeltere Generation auf einmal munter an Deutsch zu sprechen. Das meiste hoerte sich zwar alles nach Bayerisch oder nach Platt an, aber es war Deutsch!!!
Fuer mich galt die Formel: Ausland gleich English. Aber auch das stimmt nicht, wie ihr gerade gemerkt habt. Ich ertappe mich immer wieder, das ich nach vorhandenen Englishkenntnissen fragen, wobei ich sicherlich eher einen deutschprachige Person finden werde, als Englischsprachige.
Ebenso dachte ich, das hier in Rio Grande do Sul die Puenktlichkeit nicht so ausgepreagt waere. Irrtum! Hier in “klein Europa” herrscht eine groessere preussische Puenktlichkeit, als ich das von Deutschland gewoehnt bin. So komme ich momentan zu jeden Treffen mindestens eine halbe Stunde frueher, damit ich wirklich puenktlich bin. Die Treffen fangen puenktlich an und selbst die Professoren an der Uni mahnen zum puenktlichen Beginn.





