Kontextualisierung- die Freiheit des anders sein
Nachdem ich bereits seit einem Monat in Porto Alegre wohne und dabei die Stadt und Leute etwas näher kennenlernen durfte, nutzte ich die “Woche der Beobachtung” um mich auf eine kleine Reise zu begeben.
So begann das Abenteuer mit einer Nachtfahrt zu den ehemaligen Jesuitenmissionen am anderen Ende des Bundeslandes Rio Grande do Sul, sowie in Argentinien. 1608 haben die Jesuiten, auf Befehl des Gouverneurs der spanischen Provinz Paraguay, für mehre Jahrhunderte kontextualisiert das Evangelium den hier ansässigen Tupis und Guaranis gebracht, ohne dabei die Kultur oder Sprache zu vernichten. Die so genannten Missionen wurden für die Gegend zu kulturellen, intellektuellen und religiösen Zentren ihre Zeit. Hier entstand auch das Schriftbild der Tupi-Guarani-Sprache.
Die Missionen mussten mit ihren modernen Ansichten einen 2 Frontenkrieg führen, einmal gegenüber den Goldsuchern und Sklavenhändlern von Sao Paulo, die auf der Suche nach billigen Arbeitskräften und den Großen Geschäft waren, und vor den aussendenden Herrschaften Roms, Spanien und Portugals, die mit den frei denkenden Jesuiten aneckten.
Letztendlich wurden die Missionen durch einen politischen Schachzug (1970 Vertrag von Madrid=> Missionen gingen vom Spanischen in den Portugisischen Besitz über) zu Fall gebracht, so dass die Jesuiten den Indianern keinen rechtlichen Schutz mehr vor den Indianern bieten konnten. Das Ganze endete in einem Widerstand der Missionen, welcher Blutig niedergeschlagen wurde und die überlebenden Indianer wurden anschliessend verskalt. Viele klugen Köpfe (von Voltaire bis Montesquieu) bewerteten die Missionen als sehr positiv und eine gelungene Kontextualisierung.
Auch wenn auf mich die roten barocken Bauwerke auf roten Boden nicht ganz so kontextualisiert wirkten, so haben sie doch sehr viel positives Hinterlassen und sind eine Herausforderung für uns unser Christsein heute Kulturrelevant zu leben. Seit den 80iger Jahren zählen die Missionen auch zum Weltkulturerbe der Unesco. Wer Lust auf mehr bekommen hat, kann sich die Verfilmung ”the missions” (1986) von Robert De Niro und Jeremy Irons anschauen.
Als nächstes steuerte ich die Hauptstadt Paraguays – Asunción an. Für mich am auffälligsten war das Asunción eine Vielzahl von Jugendstil Häusern aufweist. Diese Stadt lernte ich auf eine ganz andere Weise kennen, nämlich durch den Blickwinkel von Einheimischen. Ich habe hier zum erstenmal Couchsurfing ausprobiert und muss sagen, dass ich begeistert bin
. Neben der Stadt selbst, konnte ich so auch das Umland kennenlernen und habe auch einen vielfältigen Einblick in die Kultur Dank der einheimischen Gastgeber erhalten.
Nach einer 7 Stündigen Fahrt bin ich bei einem weiteren Highlight meiner Reise angelangt: Filadelfia- eine mitten in Chaco (Svanne) liegende Stadt. Diese ursprünglich deutsche Mennonitienkolonie ist heute durchmischt mit Paragauyern und Indianern. Bei letzterem durfte ich 2 Tage im Reservat mit unterwegs sein, was mich tief beeindruckt hat. Jeder Indianerstamm hat seine eigene Identitaet, auch wenn er sich weiterentwickelt hat und mehr oder weniger sesshaft wurde.
Nebenbei habe ich auch die Bekanntschaft mit Panzerschweinen, diversen Vögeln, Straussen, Megaheuschrecken, Termiten, Papageien, wunderschoenen Schmetterlingen, einem Skorpion sowie einer Klapperschlange gemacht. Bei der Schlange erhielt ich eine fachmännische Einführung, im professioneller Beseitigung dieser von mir so geliebten Tiere. In der Hoffnung, dass ich es nie selbst anwenden muss und es meine erste und hoffentlich letzte Schlangenerfahrung hier war. Übrigens hat man nach so einem Biss gerade mal 4 Stunden Zeit, um ein Gegenserum einzunehmen. Eine ganz eigene Erfahrung war für mich der nächtliche Sternenhimmel im Chaco, wobei die Milchstrasse so richtig klar herausstach.
Die Reise wurde schließlich durch die Wasserfälle Foz Iguaçu abgerundet. Sie sind grösser als die Niagarafälle und breiter als die Victoriafälle. Sie sind mehr als 3 km breit, 80m hoch und bestehen aus 275 einzelnen Wasserfällen. Die intensivste Erfahrung ist es auf den Stegen in die Fälle hineinzulaufen, auch wenn man anschliessend total nass aber überglücklich wieder ans Ufer kommt. Nach 16 Stunden Busfahrt bin ich nun wieder wohlbehalten in POA angekommen und der Unialltag hat mich wieder.
Was bleibt sind ein Blumenstrauß der unterschiedlichsten Eindrücke und die Frage, wie Kontextualisierung der Kulturen gelebt werden kann. Wo endet die Freiheit des anderen bzw. meine eigene.
(Vgl. Lonely Planet: Brasilien, deutsche Ausgabe: Juni 2008.)
One Response to “Kontextualisierung- die Freiheit des anders sein”
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Boah sieht das gut aus!!!
Lass es dir gut gehn:0)
September 11th, 2008 at 07:24